Prof. Dr. Werner Arnold

Bericht über meine Feldforschung als Stipendiat des DAAD in Malula (Syrien)

Ich ging im Oktober 1985 mit einem Jahresstipendium für Graduierte nach Syrien, um in Malula Materialien zum Neuwestaramäischen für meine Doktorarbeit zu sammeln. Der kleine Ort ist weltberühmt und wird von vielen Touristen besucht. Er gilt als das schönste Dorf Syriens und als einziger Ort, in dem noch die "Sprache Christi" gesprochen wird. Die zumeist blau gestrichenen, aus Lehm und Holz gebauten niedrigen Häuser kleben wie Schwalbennester am Fels.

Malula 

Unterhalb des Ortes befinden sich die bewässerten Gärten, die 'shiqya' genannt werden und von den Dorfbewohnern liebevoll gepflegt werden, obwohl sie ihnen nur etwas Obst und Gemüse für den eigenen Haushalt liefern.

Die Mehrzahl der Dorfbewohner lebt heute nicht mehr in Malula, sondern in Damaskus, zum Teil auch in Beirut. Sie kommen nur in den Sommermonaten in den 1500 m hoch gelegenen Ort, um der Hitze und dem Staub der Großstadt zu entfliehen und bleiben bis zum 14. September - dem Kreuzfest - in Malula. Während in den Wintermonaten die meisten Häuser leerstehen und die Einwohnerzahl 1000 nicht übersteigt, schwillt der Ort im Sommer auf über 5000 Einwohner an.

Als ich im Oktober dort ankam, hatten alle Sommerfrischler den Ort bereits verlassen, so daß ich ohne Schwierigkeiten eine Wohnung mit europäischem Komfort für mich und meine Familie finden konnte. Unterhalb des Ortes und an der Zufahrtsstraße sind in den letzten Jahren eine ganze Reihe neuer, aus Zement gebauter Häuser entstanden. Die Eigentümer dieser Häuser sind meist durch ihre Arbeit in Damaskus, Beirut oder in den Golfstaaten zu etwas Geld gekommen und haben dieses Geld für einen Sommersitz in Malula verwendet. Teilweise haben sie auch kleine Handwerksbetriebe oder Läden eröffnet.

Die Miete betrug damals 20.000,- SL im Jahr, die im voraus zu entrichten sind. Beim damaligen Kurs der Lira waren das etwa 5.000,- DM. Die Syrer wohnen etwas anders als die Deutschen. Das größte und schönste Zimmer, das Salon genannt wird, wird nur benutzt wenn Gäste kommen. Es wird täglich gesäubert und abgestaubt und ist mit Sofas und Sesseln ausgestattet, während die syrische Familie auf dem Land in den übrigen Räumen sonst auf dem Boden zu sitzen pflegt.

 Die Familie Shoara

Nachdem ich die Wohnung bei Familie Sho'ra (siehe Bild) gemietet hatte, kam meine Familie nach Syrien Da wir vier Kinder haben, benötigten wir für den langen Auslandsaufenthalt ziemlich viel Gepäck. Ich schickte daher zwei große Kisten Gepäck - zusammen etwa 650 kg - mit einer Spedition nach Syrien. Die Sachen kamen auch nach etwa 3 Wochen beim Zoll in Damaskus an. Leider hatte ich keine Ahnung, welche Schwierigkeiten man hat, die Sachen aus dem Zollgelände herauszubekommen. Ich hatte eine Forschungserlaubnis von der Universität Aleppo und ein Schreiben des Hochschulministeriums. Mit dieser Forschungserlaubnis bekam ich ohne Schwierigkeiten eine Aufenthaltsgenehmigung und einen Personalausweis. Der Zoll wollte jedoch nochmals ein Schreiben des Hochschulministeriums. Das Hochschulministerium schickte mich zur Universität Aleppo. Von der Zollabteilung der Universität bekam ich dann ein Schreiben und mit diesem Schreiben bekam ich einen Stempel auf die Einfuhrpapiere und wurde ins nächste Zimmer geschickt. Dort verlangte man dann eine Zustimmung vom Handelsministerium und im Handelsministerium sagte man mir, ich bräuchte die Unterschrift vom Minister, weil Ausländer grundsätzlich keine Sachen einführen dürften. Der Minister war verreist und jeden Tag sagte man mir, er würde morgen kommen. Er kam aber erst nach einigen Tagen. Schließlich brauchte ich noch einen syrischen Bürgen, der dafür bürgen sollte, daß ich alle Sachen wieder ausführe. Es dauerte jedenfalls bis kurz vor Weihnachten, bis ich die Sachen bekam. Es wäre einfacher und billiger gewesen, alle Sachen in Syrien zu kaufen und vor der Abreise wieder zu verkaufen.

Die Arbeit bei Winteranfang zu beginnen, erwies sich als außerordentlich günstig. Die Bauern hatten die Felder abgeerntet und langweilten sich jetzt zu Hause, so daß sie froh waren über etwas Abwechslung in Gestalt eines Ausländers, der sich für ihre Sprache interessierte. Ich konnte deshalb viele Stunden in den Häusern der Leute verbringen und lernte dabei ihre Sprache, machte mir Notizen und fragte gezielt Wortschatz und Grammatik ab.

Von Anfang an wurde ich von den Dorfbewohnern immer wieder nach dem Zweck meiner Arbeit in Malula gefragt. Viele konnten nicht verstehen, warum jemand "vom anderen Ende der Welt" nach Malula kommt, um eine Sprache zu lernen, die nur in drei Dörfern gesprochen wird. Es kamen also Gerüchte auf, daß der Zweck meines Aufenthalts ein anderer sei, als die Sprache von Malula. Einige hielten mich für einen israelischen Spion, andere für einen Schatzgräber. Erst nach einigen Monaten, als die Leute sahen, daß ich mich wirklich mit nichts anderem beschäftigte als mit der Sprache, verstummten diese Gerüchte.

Auf jeden Fall glaube ich, daß diese Gerüchte die Ursache für den ersten Besuch des syrischen Geheimdienstes zu Anfang des Jahres 1986 waren. Die ganze Angelegenheit war nicht so schlimm. Sie stellten nur einige belanglose Fragen, ließen sich die Forschungserlaubnis und die Aufenthaltsgenehmigung zeigen und gingen wieder.

Mushe Barkila 

Ich hatte damals einen Angestellten in der Ambulanzstation von Malula kennengelernt, Mushe Barkila, der alle Leute im Dorf sehr gut kennt (im Bild oben links, rechts sein Vater Yhanne). Er brachte mich zu vielen interessanten Leuten, von denen ich mir Geschichten auf Aramäisch auf Band sprechen ließ. Ich war nach dem Besuch des Geheimdienstes vorsichtig geworden und fürchtete, daß der Geheimdienst diese Tonbandaufnahmen vielleicht beschlagnahmen könnte, um meine Arbeit zu kontrollieren. Ich trug meine Besorgnis Herrn Dr. Röhrs bei der Deutschen Botschaft in Damaskus vor und wir vereinbarten, Duplikate von den Aufnahmen zu machen und diese Duplikate bei der Botschaft in Damaskus zu lagern.

Der Geheimdienst fragte danach noch öfters die Dorfbewohner über mich aus, insbesondere den Imam der Moschee und den Bürgermeister. Die Leute hatten jedoch inzwischen Vertrauen zu mir gefaßt und berichteten mir von diesen Besuchen des Geheimdienstes und versicherten mir, daß sie ihnen nur das Beste über mich berichtet hätten.

Bis Ende Frühjahr 1986 hatte ich bereits zwar einen großen Teil meiner Arbeit in Malula getan, ich erkannte jedoch, daß die Arbeit in einem Jahr nicht zu schaffen ist. Zunächst waren die Bauern in Malula den Sommer über sehr beschäftigt. Sie hatten nicht mehr wie im Winter die Zeit für Tonbandaufnahmen und das zeitraubende Durchgehen und Transkribieren der aufgenommenen Texte. Ich brauchte also noch eine Wintersaison. Außerdem hatte ich inzwischen einige Leute aus Bax'a und Jubb'adin kennengelernt und festgestellt, daß sich die Dialekte dieser beiden anderen Aramäerdörfer erheblich vom Dialekt Malula's unterscheiden und teilweise altertümlicher sind. Ich wollte also auf die Untersuchung dieser beiden Dörfer nicht verzichten. Ich habe meinem Doktorvater, Professor Jastrow, die Situation geschildert und wir kamen überein, einen Verlängerungsantrag für das Stipendium zu stellen. Die Verlängerung des Stipendiums bis Mai 1987 gab mir dann die Möglichkeit, auch die beiden anderen Dörfer zu bearbeiten.

Im Frühjahr 1986 wurden von den Muslimbrüdern einige Anschläge auf Busse und Züge verübt, die vielen Menschen das Leben gekostet haben. Professor Hebbo, der Dekan der Philosophischen Fakultät der Universität Aleppo, der mir die Forschungserlaubnis besorgt hatte und mich öfter besuchte und eingeladen hat, hatte uns gerade in dieser Zeit zu einem Fest nach Aleppo eingeladen. Die Fahrt nach Aleppo mit dem Bus war jedoch kein Vergnügen, da wegen der Anschläge alle 20 - 30 km Straßensperren errichtet waren und vor allem die Busse ständig angehalten wurden. Man untersuchte das Gepäck und die Insassen nach Waffen. Wir vermieden es in diesen Wochen Malula zu verlassen und verzichteten auch auf Ausflüge in die Umgebung. Die Lage beruhigte sich jedoch wieder und bis zum Sommer wurden die Straßensperren nach und nach abgebaut.

Als im Juli die Schulen schlossen, kamen die Leute aus Malula, die in Damaskus oder Beirut leben, zu tausenden nach Malula. Einige kamen sogar aus Amerika. Diese Leute können alle kein Aramäisch mehr und stehlen einem nur die Zeit mit Einladungen zum Essen. Ich beschloß also, mit der Arbeit in Bax'a anzufangen, wo dieses Phänomen der Sommerfrische unbekannt ist. Das Problem war, daß Bax'a mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht zu erreichen ist. Es gibt auch kein Taxi ständig in Malula. Ich habe daher mit Herrn Dr. Röhrs gesprochen, ob es nicht doch eine Möglichkeit für mich gibt, ein Auto für mich einzuführen oder zuzulassen. In Syrien ein Auto zu kaufen ist ganz unmöglich, da die Autos zwischen 30.000,- und 150.000,- DM kosten. Herr Röhrs sagte mir, es dauert über ein Jahr, um eine Zulassung zu bekommen. Er riet mir zu einem Fahrrad, was mir im Gebirge wenig nützt. Nach Bax'a geht es 5 km ständig steil bergauf. Es blieb mir jedenfalls nichts anderes übrig, als jeden Tag zu Fuß die fünf Kilometer nach Bax'a zu laufen und abends wieder zurück. Die einzigen Autos, die auf dieser wirklich miserablen Straße nach Bax'a unterwegs sind, und die mich manchmal mitgenommen haben, sind Autos der Schmuggler - lauter geländegängige Fahrzeuge.

In Bax'a gibt es wie in den anderen Dörfern im oberen Qalamûn an der libanesischen Grenze eine ganze Reihe Leute, die von Schmuggel leben. Geschmuggelt werden unter anderem Papiertücher, Kaffee, Speiseöl, Holz, Eisen, Jeans, Geschirr, Zigaretten und Alkohol. Die Schmuggler fahren mit geländegängigen Fahrzeugen die schwer passierbaren Paßwege übers Gebirge und sind schwer bewaffnet. Manchmal kommt es zu Schießerein zwischen dem Zoll und den Schmugglern. Dann werden Einheiten der Armee in die Grenzdörfer geschickt. Die Polizisten vom Posten in Malula kontrollieren oft die Autos an der Straße von Bax'a nach Malula. Wenn ich mit Schmugglern aus Bax'a am Abend nach Malula zurückkehrte und wir gerieten in eine solche Kontrolle, haben die Schmuggler immer 100 Lire Schmiergeld bezahlt und konnten dann unkontrolliert passieren.

 Hamad Ahmat Hemid mit seinen Kindern aus Bakha

Hamad Ahmat Hemid mit seinen Kindern aus Bakha

 

 Bax'a ist ein kleines Nest, ohne asphaltierte Wege, die sich bei Regen in einen Sumpf verwandeln. Alle Bewohner sind Muslime. Der Ort ist sehr klein, hat aber inzwischen wie fast alle Dörfer in Syrien eine Ambulanzstation, in der vormittags ein Arzt aus Yabrûd Dienst hat. Die Leute in Bax'a sind sehr nett und hilfsbereit, haben mich immer sehr großzügig bewirtet und geduldig meine vielen Fragen beantwortet. Den ganzen Sommer über bis zum Beginn des schlechten Wetters bin ich also jeden Tag nach Bax'a gelaufen und damit gleichzeitig vor den Touristen in Malula geflohen.

Die Touristen bleiben in Malula bis zum Kreuzfest am 14. September. Es ist das größte Fest in Malula und zieht Besucher aus den umliegenden christlichen und muslimischen Dörfern, aber auch aus Damaskus, Beirut und vielen anderen syrischen Städten an.

Die Legende sagt, daß die Kaiserin Helana Boten nach Jerusalem gesandt habe, um das Kreuz Christi zu suchen. Wenn sie das Kreuz gefunden haben, sollten sie Nachricht geben über Feuerzeichen von Berg zu Berg. In Malula besteigen also die Jugendlichen die beiden Felsen und zünden große Feuer an. Schon einen Tag vor dem Fest rückt Polizei und Armee an und riegelt das Dorf für den Verkehr ab. Kleine Busse bringen die Leute dann ins Dorf. Die Armee wacht außerdem darüber, daß nicht geschossen wird. Früher sind durch das Schießen an Festen einige tödliche Unfälle passiert. Die ganze Nacht hindurch wird auf allen Plätzen und Straßen die Dabke getanzt, ein Tanz, bei dem man eine Kette bildet, indem man sich an den Händen hält. Außerdem wird sehr viel Arak getrunken.

Dabke-Tanz 

 

Alle Feste werden von Muslimen und Christen gemeinsam gefeiert. Es ist Brauch, sich an den Festtagen zu besuchen und zum Fest Glück zu wünschen. Dabei wird dem Gast immer bitterer Kaffee angeboten.

Den Winter 1986/87 habe ich hauptsächlich dazu benutzt, das gesammelte Material aufzuarbeiten. Insbesondere bin ich die aufgenommenen Texte mit dem Informanten durchgegangen und habe sie transkribiert. Alle Texte liegen jetzt also auf Band und in geschriebener Form vor. Wenn das Wetter gut war, ging ich auch manchmal nach Bax'a, besonders wenn mir einige Formen nicht klar waren, und ich nochmals nachfragen mußte. Da die Leute im Winter viel Zeit haben, bekam ich auch oft Besuch aus Bax'a, so daß ich mir den Weg ersparen konnte. In diesem Winter kam es in Malula auch zu einer Schießerei zwischen einer christlichen und einer muslimischen Familie, weil die einen die anderen des Diebstahls beschuldigt hatten. Ein Muslim wurde mit einem Schuß durch die Wangen verletzt. Kurze Zeit später rückte die Armee mit Panzerfahrzeugen an, sperrte die Zufahrten ab und begann Leute festzunehmen. Die Armee blieb die ganze Nacht und zog erst am Morgen teilweise ab. Unser Hauswirt machte immer Tee für die Besatzung des Panzers vor unserem Haus, weil es auch sehr kalt war.

In diesem Winter müssen in den Städten auch viele Dinge knapp gewesen sein, besonders Heizöl, Kaffee und Zigaretten. Außerdem gab es lange Stromabschaltungen. Die Händler haben jedoch von allen Sachen immer einen großen Vorrat und in Malula haben mir die Händler von allem immer mehr angeboten, als ich benötigte. Unser Hausherr hatte außerdem einen Generator, so daß wir immer Licht hatten.

Nachdem das Wetter im Februar schon sehr warm war und die Bäume bereits blühten, wurde es im März nochmals richtig kalt mit heftigen Schneefällen und Sturm. Wir konnten den Ort 3 Tage lang nicht verlassen und die Elektrizitätsversorgung war zusammengebrochen. Nach 3 Tagen hat ein Schneepflug die Wege wieder freigeräumt und die Stromleitungen wurden repariert. Die gesamte Obsternte war jedoch für die Bauern verloren. Die Bauern schimpften jedoch nicht so darüber wie hier, sondern betrachten es als gottgewollt und fügen sich in ihr Schicksal.

Xolid Solih aus Jubbadin

Im Frühjahr 1987 begann ich meine Arbeit in Jubb'adin. Ich hatte vorher bereits einige Leute aus Jubb'adin kennengelernt (z.B. Xolid Solih, siehe Bild oben) und mir bereits einige Abweichungen vom Dialekt Malulas notiert. Während ich in Bax'a von Anfang an fast alles verstanden habe, hatte ich in Jubb'adin anfangs große Schwierigkeiten etwas zu verstehen, und ich brauchte einige Zeit, mich in den Dialekt einzuhören, weil die Unterschiede zwischen Malula und Jubb'adin weitaus größer sind als zwischen Malula und Bax'a.

Ein Beispiel:

Malula: ana batt nzill

Jubb'adin: ana bilay niz

"ich werde gehen"

Im übrigen hatte ich in Jubb'adin das gleiche Problem wie in Bax'a. Es gibt nämlich kein Verkehrsmittel zwischen Malula und Jubb'adin. Es gibt nur Busse von Jubb'adin nach Damaskus. Jubb'adin ist größer als Bax'a. Es hat auch ein Gymnasium und teilweise asphaltierte Wege. Viele Bewohner haben einen Lastwagen oder gar einen Kühllastwagen und fahren Güter vom Libanon in die Golfstaaten. Sie haben es dadurch zu einem gewissen Wohlstand gebracht und bringen diesen neuerworbenen Reichtum im Bau neuer, großer und komfortabler Häuser zum Ausdruck. Die Bewohner sind alle Muslime und insgesamt etwas religiöser als die Muslime von Bax'a und Malula. Sie besuchen öfter die Moschee, halten das Fasten strenger ein und kleiden sich auch weniger europäisch. Im Gegensatz zu Malula gibt es nur wenige Leute, die Häuser in Damaskus haben und diejenigen, die in Damskus arbeiten, kehren am Abend mit dem Bus ins Dorf zurück. Deswegen hört man in Jubb'adin auch selten etwas anderes als Aramäisch. Von allen drei Dörfern ist in Jubb'adin das Aramäische noch am meisten in Gebrauch. Sie haben auch einen Dorfdichter, einen jungen Ingenieur, der eine ganze Reihe aramäischer Gedichte verfaßt hat, die im Ort sehr bekannt und beliebt sind.

Der Ort pflegte bis vor einigen Jahren auch noch einige altertümliche Bräuche, wie das Errichten einer Steinfigur auf dem Felsen im Monat Ramadan und eine einzige Hochzeitsfeier pro Jahr für alle Paare, die in diesem Jahr heiraten wollten. Das Fest dauerte 14 Tage und es wurden Theaterspiele aufgeführt, Feuer auf dem Felsen entzündet und Kampfspiele abgehalten. Alle diese Bräuche existieren heute nur noch in den Erzählungen der Alten.

Im April 1987 hat mich mein Doktorvater, Prof. Dr. Jastrow, in Syrien besucht. Er blieb 10 Tage in Malula und wir konnten so einige Probleme der Grammatik und Phonetik besprechen. Insbesondere haben wir das etwas komplizierte System der Kurzvokale zusammen mit den Informanten nochmals bearbeitet, das in der älteren Literatur nicht richtig dargestellt wurde. Ich habe mit ihm zusammen auch die beiden anderen Dörfer, Bax'a und Jubb'adin besucht und ihn über die interessantesten Ergebnisse meiner Arbeit informiert. Ich bin mit ihm übereingekommen, über das Ende des Stipendiums im Mai 1987 hinaus noch die Monate Juni und Juli in Syrien zu verbringen. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt einige Texte aus Jubb'adin noch nicht transkribiert und einige wichtige Tonbandaufnahmen noch nicht gemacht, weil ich dachte, die Arbeit in Jubb'adin würde nicht mehr Zeit beanspruchen als die Arbeit in Bax'a. Da die Verbalparadigmen in Jubb'adin teilweise jedoch ganz anders sind als in Malula und Bax'a, habe ich ziemlich viel Zeit zum Abfragen der Paradigmen gebraucht. Nachdem ich im Juni nochmals Besuch vom syrischen Geheimdienst hatte, der von mir wissen wollte, ob meine Aufenthaltsgenehmigung verlängert worden sei, hielt ich es für sicherer, meine gesammelten Materialien über die Botschaft nach Deutschland schicken zu lassen. Ich bekam von der Deutschen Botschaft die Genehmigung und schickte 23 kg Tonbandaufnahmen und Notizen nach Deutschland.

Kurz vor meiner Abreise im Juli besuchte mich noch Dr. Behnstedt in Malula. Wir besuchten einige der umliegenden arabischsprachigen Dörfer und stellten gewisse Übereinstimmungen zwischen dem Neuwestaramäischen und dem arabischen Dialekt der Umgebung fest.

Trotz einiger Probleme, die die wissenschaftliche Arbeit aber nicht behindert haben, hat es mir und auch meiner Familie in Syrien sehr gut gefallen. Es ist ein sehr gastfreundliches Land mit liebenswerten Menschen. Der gute Kontakt mit der einheimischen Bevölkerung hat mir meine Arbeit sehr erleichtert und der Aufgeschlossenheit der Menschen und ihrer Erzählfreudigkeit ist es zu verdanken, daß ich eine Fülle sprachlichen Materials mit nach Deutschland bringen konnte.

 

Seitenbearbeiter: E-Mail
Letzte Änderung: 02.11.2012
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